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STEINAUER NEBRASKA – Geschichten um Gewinn und Verlust
STEINAUER NEBRASKA – Geschichten um Gewinn und Verlust
Karl Saurer - Schweiz 1997

Der Zweimaster, mit dem der Zürcher Maler Karl Bodmer 1832 nach Amerika segelte, um Skizzen und Zeichnungen der Ureinwohner im Mittleren Westen anzufertigen, hiess «Janus».
Der Film, der sich 160 Jahre später auf seine Spuren heftet und anhand der Geschichte dreier ausgewanderter Innerschweizer beispielhaft aufzuzeigen sucht, wie im letzten Jahrhundert, von der Not getrieben, Zehntausende von Bodmers Landsleuten im Land der Verheissung über dem grossen Wasser ihr Glück zu machen hofften, steht ebenfalls im Zeichen des doppelgesichtigen altrömischen Gottes, der den «Anfang» symbolisiert.

Auf den ersten Blick trägt die Geschichte des Joseph Alois Steinauer, der mit seinen zwei Brüdern Anton und Nikolaus 20 Jahre nach Bodmer aus Einsiedeln aufbrach, die typischen Züge einer Story, die von Tränen, Schweiss und Gold erzählt, wo der Tüchtige in der Fremde letztlich zu Glanz und Glück gelangt: der einstige Geissbub verstarb 1907 in der nach ihm benannten Siedlung STEINAUER NE als «one of the largest taxpayers in the county».
Bei genauerem Hinsehen sind in der balladesken filmischen Schilderung von zähem amerikanischem Pioniergeist, der – durchwirkt von schweizerischen Träumen und Hoffnungen – zu mächtigem Aufschwung und scheinbar unaufhaltsamem Fortschritt führt, von Anbeginn an auch «janusgesichtige» Gegen-Bilder zu entdecken: Geschichten, die den Prozess von Heimatverlust und Heimatgewinn mehrdeutig und gegenläufig erscheinen lassen. Was für die damaligen hiesigen «Wirtschaftsflüchtlinge» einen – trotz aller Entbehrungen und Mühen hoffnungsvollen – Anfang in der «Neuen Welt» bedeutete, war für die amerikanischen Ureinwohner der Anfang einer Entwicklung von existentieller Gefährdung, Vetreibung und unsagbarer Traurigkeit.

Der rund 150 Jahre umfassende Zirkelschlag des Films enthüllt auch am Schicksal der weissen Siedler eine zwiespältige Geschichte: Sie führt von Armut und Perspektivlosigkeit, die zum Auswandern drängen, über allmähliche Prosperität hin zu erneuter materieller und existentieller Unsicherheit für die jetzigen Nachkommen, die heute wiederum zur Migration nötigt.

Beim Streifzug durch einzelne Etappen des Fortschritts rückt immer wieder der Boden ins Blickfeld. Der Boden der Erde als riesige, scheinbar unermessliche Produktionsfläche unter dem hohen, weiten Himmel des Mittleren Westens.
Jener Boden, den die Indianer als «Gäste von Mutter Erde» ohne Eigentumsansprüche nutzten und bewahrten; jener fruchtbare Boden, der durch zunehmend ökonomisch bestimmtes Denken und Handeln stetig intensiver genutzt wurde und immer grössere Erträge zu erbringen hat – wobei es vielen Farmern paradoxerweise zunehmend schlechter ergeht.
Ein «janusgesichtiger» Prozess, der dazu führte, dass die jüngsten Nachfahren der damaligen Einwanderer sich erneut auf die Suche nach einer Existenzsicherung machen müssen, was zumeist wegziehen bedeutet.

Insgesamt eine Entwicklung, die allerdings nicht nur im amerikanischen Midwest an die Substanz geht, sondern auch anderswo ein Umdenken und einen andern Umgang mit dem Boden und unsern Lebensgrundlagen erfordert.
In poetisch-stilisierter Form greift der Film zum Schluss das wohl nicht zufällige, heutige Erinnern an indianische Denkweisen auf und schlägt damit einen Bogen zum Anfang.