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Rajas Reise

Der Beginn Anmerkungen zum Film Dr. Rainer Rückert - Landeskonservator i.R. des Bayrischen Nationalmuseums in München - berichtet über das Ende von Raja Karl Saurer P.V. Rajagopal «Jeder Norden hat seinen Süden» Preise Dikatische Unterlagen
Der Beginn

Angefangen hat alles am Fuss des Brennerpasses in Brixen, wo ich die unerwartete Begegnung mit einem Bild machte, welches mich nicht mehr losliess: ein mächtiger indischer Elefant auf einem Fresko an einer Hotelfassade. Vor Jahrhunderten durchlebte er hier eine Erschöpfungsrast.
Welche Geschichten wüsste er zu erzählen?
In der Person von P.V. Rajagopal, einem sozialpolitisch engagierten Zeitgenossen mit ausgeprägtem Interesse für andere Menschen und Kulturen, habe ich einen «Entdecker» eigenen Gepräges für diese Zeit-Reise der besonderen Art gefunden.

Karl Saurer

http://www.hotelelephant.com

Anmerkungen zum Film

Rajas Reise führt uns zurück in die Anfänge einer Geschichte von Bemächtigung und Habgier. Eine Haltung – oft so verinnerlicht – die vergessen lässt, dass alles sein Ort, seinen Wert und seine eigene Bedingungen hat.

Die Geschichte um Macht- und Prestigedenken wird konfrontiert mit dem Blick und den Gedanken eines indischen Besuchers auf unsere europäische Welt.

Fast beiläufig verdeutlicht sich der unübersehbare Kontrast zwischen Aneignen und Einengen einerseits, Gewähren lassen und natürlicher Grazie andererseits, zwischen Dominanz und Koexistenz.

Die Verwebung der vielfältigen Motive aus Orient und Okzident sowie der historischen und aktuellen Zeitebenen zu einer filmischen Textur lädt zu einem neugierigen Hinsehen und eigenem Reflektieren ein.

Dr. Rainer Rückert - Landeskonservator i.R. des Bayrischen Nationalmuseums in München - berichtet über das Ende von Raja

Auszug aus dem Brief an Karl Saurer vom 1. April 2013

Sehr geehrter Herr Saurer
eben wollte ich auf dem Fernsehsender 3 Sat eine Sendung des Tages eruieren, als auf dem Bildschirm ein mir wohlbekannter Sattel erschien. Neugierig blieb ich an dieser Sendung hängen, die leider schon fast beendet war, und sah kurz darauf ein altes, mir bis dato unbekanntes Foto vom Hof des Bayerischen Nationalmuseums mit dem ausgestopften Elefanten Herzog Albrechts V. (...)

Dieser war im Saal 42 des Erdgeschosses [Bayrisches Nationalmuseums in München] ausgestellt, dem heutigen Ignaz Günther-Saal, weil er seiner Grösse wegen sonst nirgends in einen der Säle passte (auf dem Foto, das in Ihrem Film gezeigt wurde, steht der Elefant ungefähr vor den riesigen Fenstern jenes Saales). Die enorme Grösse dieses damals noch unglaublich gut erhaltenen Tieres verhinderte auch seine Evakuierung im 2. Weltkrieg. Dort stand er dann, alle Fenster waren ja zerstört, in Wind, Hitze und Kälte und seine Reste vergammelten schnell. In den Wirren der elenden Jahre 1945/46 mussten diese notgedrungen dort bleiben. (...)

Das Bayrische Nationalmuseum konnte gleich 1945 als Mädchen für alles (so gut wie alle Akten, die gesamte Korrespondenz sowie die Fotosammlung hatten 1944 und 1945 zwei im Museum verbliebenen Frauen zum Heizen im einzigen kleinen "Kanonenofen" verbrannt, nur die Inventarbände lagen im "Kassenschrank" und überlebten deshalb) einen einfachen Mann als Hilfskraft einstellen, ein Tausendsassa in dem weitgehend ausgebrannten Museum ohne Dächer. Er starb 1946. Zu seiner Beerdigung kamen zum fassungslos staunenden Prof. Dr. Carl Theodor Müller [Generaldirektor des BNM] Hunderte Menschen. Nach und nach erfuhr er, dass dieser Mann als ein Wohltäter in der Gegend um das Museum galt. Er riss z.B. die zerrissenen Reste der elektrischen Leitungen aus den Ruinen und verschenkte sie an Bedürftige.
Der Elefant stand seit 1944 nur noch in Fetzen im Saal 42. Jener ganz einfache Mann erlaubte deshalb den nach und nach als Hilfskräfte ins Museum kommenden Leute, sich Fetzen der dicken Tierhaut zu nehmen, die diese sich auf ihre kaputten Schuhe mit Holzstiftchen nagelten.
Der Sommer 1945 war brütend heiss. Dann kam der erste grosse Regen und die zu Schuhsohlen verarbeiteten, fast 500 Jahre alten Elefantenreste quollen im Regenwasser sofort zu zentimeterdicken Klumpen auf und zerissen dabei endgültig die verlumpten Schuhe (dabei fällt mir ein: ich hatte aus einer australischen Hilfslieferung, weil mein verbliebenes Paar Schuhe besonders stark verbraucht war, vom Red Cross ein paar himmlische Schuhe aus Känguruh-Leder, aber fast 5 Nummern zu gross, erhalten, so dass ich alle paar Tage kostbares Zeitungspapier vor meine Zehen stopfen musste).
Dies war also das schmähliche Ende des in der Mitte des 16. Jahrhunderts über die Alpen gelatschten und in München verstorbenen Elefanten Albrechts V. (...)

Mit schönsten Grüssen
R. Rückert

Karl Saurer

Bio- und Filmografie

1943
Geboren in Einsiedeln.
Nach Studien in Zürich, München, Köln und Osnabrück M.A. der Medienwissenschaft, Literaturwissenschaft und Psychologie

Seit 1970
publizistische Tätigkeit in der Schweiz und Deutschland

1980 - 84
Dozent für Dramaturgie und Mitarbeiter der Studienleitung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin

ab 1985
Lehraufträge: FU Berlin, Universität Zürich und Fribourg, HSfG Zürich, Filmschule Zelig Bozen; Dokumentarfilmseminare in Ostafrika und den USA für das Goethe-Institut

1993
Anerkennungspreis Innerschweizer Radio- und Fernsehgesellschaft


FILME

DAS KLEINE WELTTHEATER
(Dokumentarfilm, 1970 mit E. Keusch u.a.)

RUHE
(Dokumentarfilm, 1971/72, mit G. Camenzind und H. Meier)

ES DRÄNGEN SICH KEINE MASSNAHMEN AUF
(Dokumentarfilm, 1973, mit E. Keusch und H. Meier)

KAISERAUGST
(Dokumentarfilm, 1975, mit einer Gruppe der Filmcooperative ZH)

TATORT LUZERN ODER WEM GEHÖREN UNSERE STÄDTE?
(Dokumentation, 1975, mit G. Camenzind und C. Niederberger)

DAS BROT DES BÄCKERS
(Spielfilm, 197, mit E. Keusch)

DER HUNGER, DER KOCH UND DAS PARADIES
(Spielfilm, 1981/82, mit E. Keusch)

DAS UNBEHAGEN AN DER VERGANGENHEIT
(Dokumentarfilm, 1982, mit H. Meier)

HOLZ SCHLAEIKE MID ROSS
(Dokumentarfilm, 1991, mit F. Kälin)

KEBAB & ROSOLI
Ein Film mit Heimischen und Geflüchteten
(Dokumentarfilm, 1992, mit E. M. Fischli)

DER TRAUM VOM GROSSEN BLAUEN WASSER
Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte
(Dokumentarfilm, 1993)

STEINAUER NEBRASKA
(Dokumentarfilm, 1997)

RAJAS REISE
(Dokumentarfilm, 2007)

P.V. Rajagopal

1948 in Kerala/Südindien geboren, verwirklichte Rajagopal seinen Kindheitstraum und absolvierte eine mehrjährige Ausbildung als Kathakali-Tänzer. Danach studierte er an einer landwirtschaftlichen Hochschule an einem *Gandhi-Ashram, wo er für die Probleme der Landbevölkerung sensibilisiert wurde. Seitdem setzt er sich im Sinne Gandhis für Benachteiligte und Unterprivilegierte ein. und kämpft in ganz Indien für bessere Lebensbedingungen der Landbevölkerung und der Landlosen.

In seinem hartnäckigen Widerstand gegen Missstände verbindet er soziales Engagement mit fundiertem Wissen und künstlerischen Aktivitäten. Alle Aspekte seiner Arbeit werden vom Prinzip der Gewaltlosigkeit geleitet.
Seit kurzem ist P.V. Rajagopal „Vice-Chairman“ der „Gandhi Peace Foundation“. Er ist eine charismatische und inspirierende Führungspersönlichkeit für die Organisation „Ekta Parishad“ („Solidarischer Bund“), die er vor 15 Jahren gegründet hat. Diese engagiert sich für die Durchsetzung längst beschlossener – aber durch Machtinteressen, Gewalt und Korruption behinderte Reformen und Rechte für die Landlosen in Indien, um die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen Wasser, Land und Wald. zu sichern.

*Ashram (Sanskrit ??rama) bezeichnet ein klosterähnliches Meditations- und Bildungszentrum, dessen spiritueller Leiter Guru genannt wird.

Informationen zu Rajagopals Arbeit:
Ekta Parishad
Cesci

«Jeder Norden hat seinen Süden»

Auszüge aus dem Interview mit Karl Saurer (aus der Wochenzeitung, WoZ vom 30. August 2007)


Wie kamen Sie denn auf die Geschichte des Elefanten Raja, der vor fünfhundert Jahren die lange Reise von Indien bis nach Wien auf sich nehmen musste?
Angefangen hat alles mit einem Bild aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, das mich nicht mehr losliess: ein mächtiger indischer Elefant auf einem Fresko an einer Hotelfassade in Brixen im Südtirol. Was hat zu dieser Zeit, in der die Europäer eben erst den Seeweg nach Indien gefunden hatten, einen Elefanten als königlichen Begleiter mitten im Winter in diese bergige Gegend geführt?

Was hat Sie an Rajas Geschichte so fasziniert, dass Sie daraus einen Film machten?
«Rajas Reise» führt zurück in die Anfänge einer Geschichte zwischen dem Norden und dem Süden, die nicht nur von der Faszination für das Fremde, sondern auch von Habgier, Macht- und Prestigedenken erzählt. Es eröffnete sich mir die Möglichkeit, eine komplexe Geschichte in sinnlichen Bildern zu erzählen: den unübersehbaren Kontrast zwischen Aneignen und Einengen einerseits, Belassen und Gewährenlassen andererseits, zwischen Dominanz und Koexistenz fast beiläufig vor Augen zu führen. Nicht nur die spannenden Reiseerfahrungen haben mich fasziniert, sondern auch die Chance, vielfältige Motive aus Orient und Okzident sowie historische und aktuelle Zeitebenen in einer filmischen Textur zu verweben. Natürlich hoffte ich, dadurch zu neugierigem Hinsehen und eigenem Refl ektieren anzuregen.

Die Geschichte von Raja ist fünfhundert Jahre alt. Inwiefern ist sie denn heute noch aktuell?
Wie der sozialpolitische Aktivist P.V. Rajagopal, der die Elefantenreise im Film nachvollzieht, prägnant formuliert, hat heute noch jeder Norden seinen Süden. Einen Süden, den der Norden sowohl in seiner Lebensfülle, Sinnlichkeit und Farbigkeit faszinierend findet, dessen Ressourcen er sich jedoch immer noch ohne Hemmungen aneignet und den er nicht als gleichwertig respektiert. Diese Geschichte gibt zudem einen Blick frei auf das Verhältnis des Menschen zum Tier. Müsste dem Elefanten mit seiner Grazie, Würde und Schönheit nicht auch anders begegnet werden?

P.V. Rajagopal folgte der Route Rajas, wir erleben das heutige Europa durch seine Wahrnehmung. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Rajas Reise auf diese Art nachzuerzählen?
Es war mir wichtig, meinen Blick als Europäer auf Indien mit dem eines Inders auf Europa zu teilen und zu kontrastieren. In der Person von P.V. Rajagopal, einem sozialpolitisch engagierten Zeitgenossen in der Nachfolge Gandhis, der sich seit vielen Jahren für Entrechtete und Landlose einsetzt und in diesem Zusammenhang auch regelmässig Europa besucht, habe ich einen sensiblen, eigenständigen, wachen «Entdecker» für diese Reise in der Zeit und zwischen den Welten gefunden. Mittels der Geschichte dieses für einen Hindu so bedeutungsvollen Tieres etwas über fehlende Fähigkeiten zur Koexistenz und das Machtgefälle zwischen Norden und Süden zu vermitteln, hat ihn begeistert.

Sie stellen in Ihrem Film in wunderschönen Aufnahmen die unberührte Natur Indiens einem eher urbanen Europa entgegen, auch wird die «indische Bescheidenheit» der «europäischen Habgier» entgegengestellt. Vermitteln Sie nicht ein zu beschönigendes, zu romantisierendes Bild von Indien?
Die Schauplätze des Films sind von der authentischen historischen Begebenheit bestimmt worden. Der frühe Elefantenhandel ist von der Malabarküste ausgegangen. Die Heimat Rajas liegt in den Wäldern Südindiens, wo heute noch seine Nachfahren leben. Von dort aus sind die Tiere zu den europäischen Machthabern in die Metropolen exportiert worden. Dass der Inder P.V. Rajagopal geschmeidiger, offener und lockerer wirkt als einige seiner europäischen Gesprächspartner, vermittelt etwas über Verschiedenheiten. Ich habe weder von Indien noch von ihm ein idealisierend-romantisches Bild vermitteln wollen. Wenn der Film aber dazu anregt, kulturelle Unterschiede wahrzunehmen und zu hinterfragen, hätte Ganescha, der elefantenköpfige Gott des Wohlergehens und der Weisheit, sicher nichts dagegen.

«Rajas Reise» ist fast ein ethnografischer Film, in dem interessante Beobachtungen der heutigen Welt gemacht, aber auch spannende historische Fakten vermittelt werden. Wie lange haben Sie recherchiert?
Die Recherchen und die Dreharbeiten erfolgten in mehreren Etappen und umfassten insgesamt einen Zeitraum von fünf Jahren. Sowohl bei den Recherchen wie auch beim Drehen erhielt ich von vielen Personen wertvolle Hinweise und tatkräftige Unterstützung. Es war auch sehr schön, in Kerala mit einem indischen Team zusammenzuarbeiten. Ich möchte jedoch nicht verschweigen, dass ohne eine grosse Portion Geduld und Ausdauer dieser «indoeuropäische Film» nicht zustande gekommen wäre.

Sie machen seit über dreissig Jahren vor allem Dokumentar-, aber auch Spielfilme abseits vom Mainstream. Ist die Finanzierung solch «leiser» Filme in den letzten Jahren schwieriger geworden?
Die Finanzierung solcher Dokumentarfi lmprojekte ist in der Tat schwieriger geworden. Ich hatte das Glück, mit Franziska Reck eine Ko-Produzentin gefunden zu haben, die von Anfang an von der Bedeutung der Geschichte und der Möglichkeit, sie zu realisieren, überzeugt war. Erfreulicherweise ist das Interesse an solchen leiseren und eigenwilligeren Filmen bei den Kinobesitzern und beim Publikum eher gewachsen. Reaktionen auf «Rajas Reise» bei einigen Festivals stimmen mich für den Schweizer Kinostart zuversichtlich.

Interview: Silvia Süess

Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitung, WoZ
ganzer Artikel als pdf

http://www.woz.ch

Preise

Würdigungspreis der Stadt Freistadt (A)

Freistadt, 23. August 2007

Ich freue mich, Ihnen bekannt zu geben, dass Karl Saurer – dessen neuester Film „Rajas Reisen“ wir im Programm des 20. Festivals „Der neue Heimatfilm“ zeigen – den Würdigungspreis der Stadt Freistadt erhalten hat.
Der Würdigungspreis wird an Filmschaffende verliehen, die sich durch kontinuierliche Arbeit oft außerhalb kommerzieller Produktionisstrukturen um den „neuen Heimatfilm“ verdient gemacht haben.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Steininger/Festivaldirektor

http://www.local-buehne.at/festival/

Dikatische Unterlagen

Lehrpersonen stellen wir für die Arbeit mit Ihren SchülerInnen didaktische Materialien und Hintergrundinformationen zum Film zur Verfügung.
Hier können Sie das Inhaltsverzeichnis der Dokumentation herunterladen.

http://cinematograph.ch/de/film/Rajas_Reise/multimedia.html