«Meiner Meinung nach befinden wir uns in der zweitglücklichsten Etappe in der Geschichte des kubanischen Films.» Rolando Díaz
Bevor dein Film hier am Festival von Havanna aufgeführt wurde, hast du gesagt: «Melodrama ist ein Film – nicht mehr und nicht weniger als ein Film». Was wolltest du damit ausdrücken?
Wenn ich dies sage, so versuche ich jegliche Art von Manipulation im Zusammenhang mit meinem Film zu vermeiden, um mir das Recht zuzugestehen, dass mein Film als Film beurteilt werden möge – mit dem schlichten Recht gesehen zu werden – unabhängig davon, wie darin Konflikte ausgetragen werden, welche Werte oder Tendenzen er hat, oder wie er die Welt widerspiegelt. Denn es dürfen nicht nur Filme als unterstützungswürdig gelten, die man als grosse Kunstwerke anerkennen will.
Für mich ist es wichtig zu sehen, wie «Melodrama» in einem anderen Kontext, ausserhalb Kubas, funktioniert, denn nur so kann ich mir ein Bild über die Allgemeingültigkeit meiner Geschichte machen.
Das heisst also, dass es dir gegenüber politisch motivierte Manipulation gab?
Ich glaube nicht, dass es wirklich politisch motivierte Manipulation gab. Klar ist aber, dass der Film aus ästhetischer Sicht, aufgrund der Art und Weise, wie er sich ausdrückt, «offiziell» nicht gern gesehen ist, und die Direktion des Festivals deswegen entschieden hatte, den Film nicht zu zeigen. Ich möchte allerdings nicht weiter Salz in offene Wunden streuen, denn mein Film wurde aufgeführt – Sonntags um 10 Uhr früh und ein einziges Mal, wie wir alle wissen. Dies befriedigt mich nicht, doch immerhin wurde er gezeigt.
Die kubanische Filmkritik, von der ich grosse Angriffe erwartet habe, anerkennt die Suche und den Geist des Filmes und zeigt sogar Interesse an der erzählten Geschichte. Ich glaube aber, dass hier eine tiefere Auseinandersetzung beginnen müsste, die über «Melodrama» hinausgeht, damit die Freiheit, vielfältigste Ansichten ausdrücken zu können, erlangt werden kann, was so wichtig für die Kunst und in unserem Falle für den kubanischen Film ist.
Könnte man sagen, dass «Madagascar» beinahe einen europäischen und «Quiéreme y Verás» einen nordamerikanischen Stil hat, und dass dein Film der kubanischste aller drei Filme ist?
Pedro Luis Ferrer, der Musiker meines Filmes, der sich mit seinen mutigen Liedern viele Feinde schaffte, sich aber selber immer treu bleiben konnte, sagte mir: «Ich bin kein Filmschaffender, kein Cineast – doch du hast einen dem Wesen nach fundamentalen kubanischen Film geschaffen.»
Ich hätte deiner Einschätzung folgen können, wäre ich nicht drei nordamerikanischen Filmkritikern begegnet, die sich merkwürdigerweise mit «Melodrama» stark identifizieren konnten, und hätte mich ein kubanischer Filmkritiker nicht «Almódovar der Karibik» genannt. Nun weiss ich wirklich nicht, was ich glauben soll...
Doch ich glaub schon, dass «Melodrama» ein sehr kubanischer Film ist. Besonders darum, weil er typische kubanische Charaktere mit einbezieht und die Atmosphäre im Film stark mit der heutigen Situation des Landes zu tun hat.
Der herzliche Empfang am Tag der Aufführung hat mich sehr glücklich gemacht, und sollte der Film irgendwann im Ausland aufgeführt werden können, hoffe ich, dass diese «Cubanía» durch die Identifizierung des Zuschauers universelle Gültigkeit bekommt.
In welcher Tradition des kubanischen Films würdest du deinen Film einordnen?
Daniel, Fernando und ich realisierten in den 80er-Jahren bei der Wochenschau Noticiero ICAIC Latinoamericano einige ziemlich kritische Beiträge, die «offiziell» nicht gefielen. Diese Erfahrungen widerspiegeln sich später auch in unseren Spielfilmen, denn die Gefahr, die wir verspürten, veranlasste uns dazu, relativ arglose Filme zu drehen. Mit der Zeit begannen wir uns in unserem persönlichen Ausdruck sicherer zu fühlen, was dann zu Filmen wie «La Vida en Rosa» und zu «Alicia en el pueblo de maravillas» (R: Daniel Díaz Torres) führte, wobei «Alicia» ein Erdbeben im kubanischen Film verursachte.
In diesem Kontext kehrt auch Titón (Tomás Gutiérrez Alea) mit «Fresa y Chocolate» zu seinem grossen Kino zurück. Daran schliessen sich nun Werke wie «Guantanamera», «Quiéreme y Verás» und «Madagascar» an.
Ich glaube es existiert in all dem ein roter Faden. Meiner Meinung nach befinden wir uns in der zweitglücklichsten Etappe in der Geschichte des kubanischen Films. Nur der Beginn unserer Revolution wirkte ähnlich inspirierend und brachte solch grosse Werke wie «Memorias del Subdesarrollo», «Lucía», «Las 12 Sillas» und «La muerte de un burócrata» hervor.
«Melodrama» ist ein weiterer Versuch innerhalb dieser Suche. Für mich ist «Melodrama» eine einfache, klare Geschichte einer Frau, die glaubt sterben zu müssen. Allerdings ist der Kontext des Films besonders wichtig, denn jedes Wort, jedes Lied und jede Einstellung weist auf die Notwendigkeit hin, persönliche Dinge verkaufen zu müssen: Besonders deutlich wird dies in der Szene, als der Musiker seine Gitarre, seine Seele verkauft, dann aber auf einer Kiste weitertrommelt...
Der Filmkritiker der Parteizeitung «Granma» versucht dies auf den Punkt zu bringen, wenn er moniert, ich gäbe zwar mit spöttischer Ironie vor, das Publikum entscheiden zu lassen, reflektiere aber in Wirklichkeit die laufenden Gesellschaftsveränderungen auf wenig konstruktive Weise.
Ohne Zweifel existiert ein ironischer Blick meinerseits. Ich denke aber, dass das kubanische Kino diesen Blick braucht. Nichts im Film wird ernst genommen, weder der Tod noch die Vorbestimmung zu sterben, noch die Lebenslust dieser Frau – weder die freche Geschichte, noch die lockere Erzählweise, die mir so liegt.
Nicht von ungefähr heissen die drei Hauptfiguren meines Filmes «Esperanza» (Hoffnung), «Fé» (Glaube) und «Caridad» (Nächstenliebe).
Diese Verschmelzung der Ebenen, diese Doppelbödigkeit und Hintergründigkeit, ist etwas, das ich weiterverfolgen möchte.
Wenn der Film übersetzt sowie untertitelt ist, und alles so ist wie es sein soll, und der Film gezeigt werden kann, dann bestimme das Leben, ob der Film eine simple Sittenkomödie ist oder mehr – die Zeit wird’s weisen.
Beat Borter im Gespräch mit Rolando Díaz während des Filmfestivals von Havanna im Dezember 1995 (Auszug)
Rolando Díaz Rodríguez
BIOGRAFIE
1947
geboren in Havanna, Kuba
1969
Eintritt ins ICAIC (Instituto Cubano de Arte e Industria e Cinematográficos) als Tonassistent
1975
Lizentiat in Hispanoamerikanischer Kunst und Literatur an der Universität von Havanna
1977
Mitarbeit am Drehbuch zum Film Patty–Candela von Rogelio París
1976 - 1982
Realisierung von 15 Dokumentarfilmen und mehr als 80 Beiträgen für die Wochenschau Noticiero ICAIC Latinoamericano unter Santiago Alvárez
1984 - 1995
Realisierung von vier Spielfilmen
1983- 1996
Filmseminarien u.a. an der CUEC (Mexico), INCINE (Nicaragua) und an der Filmschule der Drei Welten – (EICTV Kuba)
FILME
LOS PAJAROS TIRANDOLE A LA ESCOPETA
(Spielfilm, 1984)
Zwei junge Betriebsarbeiter, Emilio und Magdalena, verlieben sich und wollen gegenseitig ihre Eltern kennenlernen. Dies führt zu spannungsvollen Beziehungen zwischen den Generationen, denn Magdalenas Vater verliebt sich in Emilios Mutter, was bei den Jungen auf Ablehnung stösst. In dieser verkehrt-wirren Welt schiessen die Vögel auf die Flinte. Die Vorurteile und die Verwechslungen bewirken letztlich eine Neu-Zuteilung: auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Frauen.
Rolando Díaz wirft in seiner Komödie einen ironische Blick auf die sozialen Vorurteile sowie auf die lächerlichsten Seiten des Machismo. Mit 2,8 Mio kubanischen Zuschauern gehört dieser Film zu den meist gesehenen Produktionen seines Landes.
EN TRES Y DOS
(Spielfilm, 1986)
Für einen Baseball-Spieler ist die Zeit gekommen, sich als aktiver Sportler aus dem kubanischen Nationalsport zurückzuziehen, der ihm viel Ansehen und Anerkennung gebracht hat.
Im Zuge dieses schwierigen Prozesses gerät seine gesamte Umgebung ins Wanken, wobei gleichnishaft die Tragweite dieses schmerzhaften Lebensabschnitts erkennbar wird.
LA VIDA EN ROSA
(Spielfilm, 1989)
Eine Gruppe junger Kubaner und Kubanerinnen gerät während eines Festes in Streit. Die Versöhnung wird durch die Konfrontation mit einigen alten Leuten eingeleitet, welche behaupten, die um Jahrzehnte gealterten Jugendlichen zu sein.
Das menschliche Elend, das sich ihnen durch die in Widersprüchen gefangenen und von Neid, Verrat und Hass erfüllten Alten offenbart, lässt die Jugendliche mit dem Willen zur Veränderung zurück...
EL LARGO VIAJE DE RUSTICO
(Dokumentarfilm, 1993)
Der Film erzählt die Geschichte des Kanarischen Bauern «Rústico», der sich zu Beginn dieses Jahrhunderts gezwungen sah, nach Kuba auszuwandern und sein Leben zerrissen zwischen den zwei Insel-Welten (La Palma und Kuba) lebte.
SI ME COMPRENDIERAS
(Dokumentarfilm, 1998)
Der Titel entstammt einem Bolero, und tatsächlich wollte Rolando Díaz einen Musikfilm drehen. Dass dies für einen in Spanien lebenden Kubaner nicht so einfach ist, davon berichtet er in diesem nun entstandenen semidokumentarischen Film. Die vorgebliche Suche nach geeigneten Tänzerinnen wird zu einem Vorstoß in die Lebensrealität dieser schwarzen Frauen: in die beklemmenden Familienverhältnisse, in die Arbeitslosigkeit, die zur Prostitution zwingt, in die Hoffnungslosigkeit junger Menschen im heutigen Kuba – und in den latenten Rassismus, der offiziell geleugnet wird. Seit die Filmproduktion in Kuba nur noch ein sporadisches Dasein führt, hat Rolando Díaz auf Teneriffa eine neue Existenzmöglichkeit als Filmemacher gefunden. Trotzdem bleibt die kubanische Wirklichkeit sein Hauptinteresse, wie er an diesem ersten Film eines Kubaners über schwarze Frauen eindringlich beweist.
CERCANIA
(Spielfilm, 2006)
Im Mittelpunkt stehen ein kubanischer Vater und sein Sohn, die sich nach zehn Jahren in Miami wiedersehen. Doch das Wiedersehen ist nicht ungetrübt, denn bald stellt sich heraus, dass der Vater vor allem auf der Suche nach seiner großen Liebe ist, die er vor langer Zeit aus den Augen verloren hat. CERCANIA verbindet dramatische Elemente mit denen der Komödie und postuliert, dass man unabhängig vom Alter die Schwierigkeiten des Lebens nur durch Beharrlichkeit in der Liebe und große persönliche Anstrengung meistern kann.