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Ludwig 1881

Donatello und Fosco Dubini Historisches über Ludwig II Ziel des Experiments...
Donatello und Fosco Dubini

BIOGRAFIEN

Donatello Dubini:

1955
geboren in Zürich, Schweiz
aufgewachsen in Rüschlikon/ZH

1975
Matura am Gymnasium Maria Hilf Schwyz

1975 - 1977
Filmakademie Wien

1977- 1979
Filmkollektiv Zürich

1979 - 1982
Studium an der Universität Köln, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
(Magisterabschluss mit einer Arbeit über Richard Dindo)


1987
Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen

1990
Bayrischer Filmpreis

1990
Dozent an der Ecole supérieure d’art visuel, Genève


Fosco Dubini:

1954
geboren in Zürich, Schweiz
aufgewachsen in Rüschlikon/ZH

1975
Matura am Gymnasium Maria Hilf Schwyz

1975 - 1982
Studium an der Universität Köln, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft (Magisterabschluss mit einer Arbeit über den Schweizer Film)

1977 - 1979
Filmkollektiv Zürich

1987
Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfahlen

1990
Bayrischer Filmpreis

1991
Dozent an der Universität Köln, Schule für Fernsehen und Film Bozen

1991
Dozent an der Ecole supérieure d’art visuel, Genève


FILMOGRAFIE

1978/79
GÖSGEN – EIN FILM ÜBER DIE VOLKSBEWEGUNG GEGEN ATOMKRAFTWERKE

1983/84
BLINDGÄNGER

1984
ÜBER MIR DER HIMMEL, UNTER MIR EIN SCHWARZES LOCH

1985/86
DAS VERSCHWINDEN DES ETTORE MAJORANA

1988/89
KLAUS FUCHS – ATOMSPION

1991
J.K. – ERFAHRUNGEN IM UMGANG MIT DEM EIGENEN ICH

1993
LUDWIG 1881

1995
JEAN SEBERG – AMERICAN ACTRESS

2001
DIE REISE NACH KAFIRISTAN

2001
THOMAS PYNCHON – A JOURNEY INTO THE MIND OF P.

2006
HEDY LAMARR – SECRETS OF A HOLLYWOOD STAR

Historisches über Ludwig II

Zwei Fotografien eines Luzerner Fotografen von Ludwig II von Bayern und den Hofschauspieler Josef Kainz

Am 13. Juli 1881 spielte sich im Atelier des Luzerner Fotografen Synnberg eine seltsame Szene ab. Zwei offensichtlich missmutig gestimmte Personen betreten das Studio, um sich fotografieren zu lassen. Sie stellen sich als der Marquis de Saverny und Monsieur Didier vor.

Der Fotograf erkennt hinter dem Incognito seine Majestät Ludwig II von Bayern, den er bereits vor 16 Jahren, als jungen Monarchen porträtieren durfte. Seither nennt er sich königlich bayerischer Hoffotograf. Doch es wäre auch für jeden anderen ein leichtes gewesen, hinter dem Pseudonym die wahre Identität der Besucher zu erkennen, denn es war ein offenes Geheimniss, dass der menschenscheue König, zusammen mit dem jungen Hofschauspieler Josef Kainz, seit nunmehr zwei Wochen die Innerschweiz auf den Spuren des 'Wilhelm Tell' bereist. Durch ungewöhnliche Aktionen hatten sie dabei unwillentlich einiges Aufsehen erregt. So spielten plötzlich des nachts die Alphornbläser von den Bergen herab, weil der König sich dies als Hintergrundmusik für seine Extrafahrten auf dem Vierwaldstättersee gewünscht hatte, mit dem Nebeneffekt die Landbevölkerung um den Schlaf zu bringen.

Auch wenn es sicher scheint, dass der Fotograf den König erkannt hatte, so hat er sich auch an das Incognito und das Rollenspiel gehalten. So wäre zunächst einmal zu erklären, dass bei einem der beiden Fotos der König steht, während der Hofschauspieler sitzt, was für die damalige Zeit eine ungeheuerliche Regelverletzung dargestellt hätte.

Die beiden Fotografien stellen aber nicht nur deshalb ein ganz aussergewöhliches Dokument dar. Seit 1867, als sich der König zum ersten und einzigen Mal mit seiner Verlobten Sophie hat fotografieren lassen, ist von ihm kein Porträt mit einer anderen Person bekannt. Umsomehr erstaunt es, dass diese beiden Fotografien unter anscheinend improvisierten Umständen zustandegekommen sein mussten. Ludwig hat nicht einmal seinen schweren Mantel abgenommen, den Hut hält er in der Hand, ganz so, als wollte er gleich wieder aufbrechen. An seinen Schuhen ist Strassenstaub, der ansonsten so penible und auf das Detail versessene König hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, sich die Schuhe putzten zu lassen. Doch warum diese grosse Eile? Der König und der Schauspieler hatten sich gestritten und die beiden Fotografien dokumentieren das Ende der realen Beziehung zwischen ihnen. Nach diesen Aufnahmen und der unmittelbar anschliessenden Rückfahrt, hat Ludwig den Schauspieler nie mehr in seine Nähe gelassen. Der direkte Kontakt endet mit diesen beiden Fotografien.

Die Beziehung zwischen Ludwig und Josef Kainz hatte auch mit Fotografien begonnen. Der junge Schauspieler wurde engagiert, nachdem dem König «sehr vorteilhafte Photographien» von Kainz vorgelegt wurden. Ludwig legte stets grossen Wert darauf, dass das Erscheinungsbild mit seinen Vorstellungen übereinstimmte. Dies ging sogar so weit, dass sich der von jeder gesellschaftlichen Kommunikation immer mehr abgeschnittene König, vor der Wahl eines Kabinettsekretärs, Fotografien von den in Betracht kommenden Kandidaten vorlegen liess, was anscheinend nicht üblich war und auf den Hofstaat sehr befremdlich wirkte.

Ludwig hatte sich seit jeher für das Theater begeistert. Doch er hatte diese Theatervorführungen nie als gesellschaftliche Anlässe betrachtet. Das Publikum störte ihn, sodass er ab 1872 Separatvorführungen durchführte, bei denen er der einzige Zuschauer war. Damit verwandelte er das Theater in ein Individual-Medium. In einer dieser insgesamt 209 Separatvorführungen hatte er auch Josef Kainz zum ersten Mal auf der Bühne gesehen. Die Vorführung hat ihm so gut gefallen, dass sie gleich zwei Mal wiederholt werden musste. Dann lud er ihn nach Schloss Linderhof ein. Als sich Ludwig und Kainz zum ersten Mal in der blauen Grotte gegenüberstanden, war Ludwig allerdings so enttäuscht, dass er ihn gleich wieder wegschicken wollte. Die reale Person hatte gar nichts von dem «Didier» aus Victor Hugos «Marion Delorme», den er in den Separatvorführungen gespielt hatte. Nur durch den klugen Ratschlag eines Kabinettsekretärs, beim zweiten Auftritt doch eine grössere Distanz zum König einzunehmen und wie auf einer Bühne zu deklamieren, konnte er den König noch versöhnen.

Ludwig lud Kainz «zu einer Reise an die klassischen, wunderschönen Urkantone der Schweiz, an die Ufer des herrlichen Vierwaldstättersees» ein. Der König hatte eigens echte Pässe mit den Namen «Didier» und «Marquis de Saverny» herstellen lassen, um die Illusion der Reise noch zu steigern.

Vordergründig ging es darum, dass sich Kainz für die Rolle des «Melchtal» in Schillers «Wilhelm Tell», der im Herbst in München auf die Bühne kommen sollte, vorbereiten musste. Durch die Ansicht der Originalschauplätze und das Nachvollziehen von Melchtals beschwerlicher Wanderung über den Surrenenpass, sollte der Schauspieler sich in die Dramenfigur und den historisch-mythischen Melchtal verwandeln. Auf der Reise zeigte sich aber, dass Kainz überfordert war, und er befolgte auch nicht immer den Ratschlag des Kabinettsekretärs, so dass sein Vortrag Ludwig oft enttäuschte. Als sich Kainz weigerte auf dem nächtlichen Rütli die «Schwurszene» zu deklamieren, brach der König die Reise ab.

Ludwigs Vorhaben war gescheitert, doch er gab nicht auf, sondern versuchte auf eine andere Weise seine Vorstellungen zu verwirklichen. Dies ist der eigentliche Zweck der beiden Fotografien, sie dokumentieren in medialer Weise in einem Pseudodokument, was nicht stattfand. Ludwig und Kainz erscheinen als ideales Freundschaftspaar, als «Didier» und «Saverny». Dies ist auch der eigentliche Grund für die Symmetrie der beiden Fotografien. Um die Gleichheit noch zu verstärken hatte Kainz seine Hand auf Ludwigs Schulter zu legen. Einige Jahre später wurde diese Geste allerdings von einem vermutlich dem Hof angehörenden Retuscheur wieder rückgängig gemacht. In der Öffentlichkeit existiert nur diese veränderte Fotografie. Das Original schlummert im Wittelsbacher Hausarchiv und wird bis zum heutigen Zeitpunkt nicht herausgegeben.



Ludwig und die Fotografie

Die beiden Fotografien von Synnberg sind nicht der einzige Beleg für Ludwigs komplexe Beziehung zu diesem Medium. Ludwig entwickelte schon früh ein ausgeprägtes Bewusstsein für die öffentliche Wirkung von Fotografien. Noch im gleichen Monat, als er mit 19 Jahren, den Thron bestieg, bestellte und versendete er seine offiziellen Porträts in unterschiedlichen Grössen, je nach dem Rang der Empfänger. Die jährlichen Ausgaben aus seiner Privatkasse für solche Fotoarbeiten übersteigen um ein vielfaches jene für seine Bibliothek. Seit 1871, als er sich immer mehr zurückgezogen hatte, war er eigentlich nur noch medial, durch unzählige Fotografien und andere Abbildungen präsent. Ludwig war schon damals so etwas wie ein Medienstar. Ludwig hat aber auch in ganz praktischer Weise bei der Planung und Durchführung seiner Schlossbauten einen umfangreichen Gebrauch von Fotografien gemacht. Im Jahre 1878 wurden 140 Aufnahmen von der Alhambra für ihn hergestellt, aus Paris liess er sich Fotos von Versailles und dem Zimmer der Marie-Antoinette schicken, aus Wien orderte er Bilder vom kaiserlichen Krönungswagen und vom Bett der Kaiserin Maria Theresia.

Es ging ihm aber nie um eine möglichst genaue Kopie der Vorlage. Neuschwanstein wurde zwar nach der mittelalterlichen Wartburg in Eisenach gebaut. Die Konstruktion besteht aber zum Teil aus Doppel-T-Stahl-Trägern, wie sie damals bei den entstehenden Wolkenkratzern in Chicago verwendet wurden. Später wurden sie dann zum Teil mit Steinen verkleidet.

Ludwig hatte sich mit der Zeit einen waren Fundus an Fotografien angelegt, die es ihm ermöglichte die verschiedensten Bauwerke optisch ständig verfügbar zu halten. Doch die technischen Produktionsbedingungen der Fotografie bedeuten immer auch eine Normierung. Die Reduktion des Bildausschnittes, die Zwei-Dimensionalität und das Schwarzweiss lassen die Gegenstände tendenziell ähnlicher aussehen. Dies führt auch zwangsläufig zu einer Relativierung der geschichtlichen Ereignisse, wie der kulturellen Besonderheiten. Ludwigs Schlossbauten und seine historistische Sichtweise sind auf diese Weise eng mit der Entwicklung der Fotografie verbunden.

Die politischen Entwicklungen liessen Ludwig II keine Möglichkeit seine Vorstellungen vom Königtum umzusetzen. Im Jahr 1866 hatte Bayern im preussisch-österreichischen Krieg auf der Seite der Verlierer gestanden und 1871 durch die Reichsgründung seine Souverenität eingebüsst. In seinen abgelegenen Schlossbauten versuchte Ludwig seinen Vorstellungen einen symbolischen Ausdruck zu verleihen. Neuschwanstein, Linderhof, Herrenchiemsee und die nicht ausgeführten Bauten, wie der chinesische Sommerpalast, das byzantinische Schloss oder die Falkenburg stellen allesamt Kulissenpanoramen aus historischen Versatzstücken dar, die sich auf eine absolutistische Herrschaftsidee beziehen.

Der König richtete sich in einem fiktionalen Herrschaftsbereich ein, der weder territorial noch funktional begründet war. Alle seine Schlösser waren zeit- und funktionslos, von ihnen wurde nie wirklich Herrschaft ausgeübt. In gewisser Weise waren sie sogar losgelöst von einem konkreten Ort. Sie lagen weit entfernt in den hintersten Talwinkeln, auf Berggipfeln oder auf einer Insel.



Ludwig und seine Schweizer Reisen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Schweiz ihre endgültige territoriale Form gefunden, doch dieses Territorium war ganz und gar nicht natürlich, drohte vielmehr durch verschiedenste Kultur- und Religionsgegensätze auseinanderzubrechen. Die Einheit erschien eher von aussen aufgezwungen, wie auch die Staatsform der Republik oder z.B. die Neutralität. Diesem Mangel wurde durch den Mythos der Eidgenossenschaft und von Wilhelm Tell abgeholfen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch relativ unbekannt waren. Es spielte dabei auch keine Rolle, dass die prägendste Vorgabe, Friedrich Schillers Drama von 1804 wiederum von aussen kam. Diesem Mythos ist es sicher zu verdanken, dass ein innerer Zusammenhalt und sogar auch Vaterlandsliebe zustande kamen. Im Nebeneffekt wurde der sich gerade entwickelnde Tourismus angekurbelt. Den Hoteliers ist in diesem Prozess eine nicht zu unterschätzende Rolle zugekommen.

Grosse weisse Gebäude wurden etwa am Rigi, auf dem Bürgenstock, in Seelisberg oder in Morschach weithin sichtbar entlang der Grate errichtet. Die Hotels und Aussichtspunkte wurden mit Zahnradbahnen, Liften und Dampfschiffen verbunden und bildeten so mit den mythisch aufgeladenen Orten wie der Tellskapelle oder dem Rütli ein komplexes Geflecht.

Ambros Eberle, der Erbauer des Hotel Axenstein in Morschach, in dem auch Ludwig II übernachtet hatte, spielte bei dieser Landschaftsgestaltung eine hervorragende Rolle. Er beschränkte sich nicht nur darauf exotische Parklandschaften anzulegen und Aussichtspunkte und Blickrichtungen festzulegen, sondern er versuchte die Aussicht selbst zu gestalten. Gegenüber dem Axenstein wurde unter seiner Mitwirkung 1859 der «'Schillerstein» eingeweiht. Von 1861-62 wurde das Rütli nach Plänen der Eidgenössischen Technischen Hochschule «künstlich» gestaltet. Sechs Jahre darauf zusätzlich die Kopie einer Alphütte errichtet.

Ludwigs Vorgehensweise Kulissenpanoramen zu schaffen, weist gewisse Parallelen zu jener der Schweizer Hoteliers auf, mit dem Unterschied, dass Ludwigs Kulissen nicht an bestimmte Orte gebunden waren. Dies ist vielleicht auch der Grund, wieso Ludwig und die Urschweiz sich in eigentümlicher Weise gegenseitig angezogen haben. Bereits 1865 besuchte Ludwig die Innerschweiz. Damals gab es weder Gotthardbahn noch Axenstrasse und Uri war nur auf dem Seeweg erreichbar, was die mystische Verklärung noch verstärkte. Bei dieser Reise wünschte Ludwig das Rütli zu kaufen, um dort ein Schloss zu errichten. Er war sehr enttäuscht, als er erfuhr, dass dies nicht möglich war. Eine weitere Idee von ihm bestand darin, an der Tellsplatte eine monumentale Statue errichten zu lassen, unter deren Beine auch grössere Schiffe hätten durchfahren können. Doch die Zuneigung war durchaus gegenseitig. So beschlossen zwölf Urner Bürger eine Eingabe an die Landsgemeinde, um den König zum Ehrenbürger des Landes Uri zu machen. Ludwig deutete an, im Gegenzug die Tellskapelle, die sich in einem etwas heruntergekommenen Zustand befand, renovieren zu lassen und mit neuen Fresken auszustatten. Doch das Volksbegehren kam nicht zur Abstimmung. Der Bundesrat erklärte, dass kein ausländischer Staatsbürger Schweizer Bürger werden könne, ohne vorher auf seine bisherige Staatsbürgerschaft zu verzichten. Als Ludwig 1881 erneut die Tellskapelle besichtigte, konnte er die fast fertigen Fresken besichtigen die in der Zwischenzeit doch noch in Auftrag gegeben worden waren. Es mutet vielleicht eigentümlich an, dass sich ein König für den Aufstand der Eidgenossen und für Tells Tat begeistern konnte. Doch für Ludwig war dies kein Widerspruch zu seiner absolutistischen Vorstellungswelt, schliesslich hatten die alten Eidgenossen die Autorität des Kaisers nie angezweifelt und Mitte des 12. Jahrhunderts sogar seinen Vorfahren bei der Kaiserwahl gegen die Habsburger unterstützt.



Ludwig und seine Medienräume

Als Ludwig den Hofschauspieler Josef Kainz mit auf seine letzte Schweizer Reise nahm, schwebt ihm auch so etwas wie eine Kombination von Reiseerlebnis und Theatererlebnis vor. Kainz sollte durch seine aussergewöhnliche Stimme die Natur verwandeln. Doch die verschiedensten Elemente liessen sich nicht unter einen Hut bringen; mal spielte das Wetter nicht mit, dann war der Schauspieler zu müde. Die beiden Fotografien von Synnberg dokumentieren so auch eine Abkehr von seinem Konzept durch das Reisen und das Theater Empfindungen zu erzeugen und eine Hinwendung zu technisch reproduzierbaren Vorgängen.

Empfindungen sind dadurch nicht mehr an bestimmte Orte oder Zeiten gebunden, sondern, wie bei einem wissenschaftlichen Experiment, beliebig oft und mit immer dem gleichen Ergebnis zu wiederholen. Dies zeigt sich vor allem in Ludwigs Bestreben mit allen technischen Finessen ausgestattete Medienräume zu schaffen.

Bereits 1867 wurde eine Laterna magica angeschafft mit der auch kolorierte Bilder projiziert werden konnten. Neben dem Wintergarten auf der Münchner Residenz, ist vielleicht die blaue Grotte in Linderhof, der am weitesten entwickelte Medienraum. Im Garten des Schlosses wurde über eine tief ausgeschachtete Grube ein Steinbau gewölbt und mit Erde zugeschüttet. Dann wurde die Grotte aus Eisen- und Drahtgestellen, aus Leinwand, Zement und Gips gebaut. Die zehn Meter hohe Hauptgrotte wurde einerseits nach Richard Wagners Szenenanweiung für den 1. Akt des «Tannhäusers», wonach die ganze Grotte «durch rosiges Licht erleuchtet» sei, und anderseits nach der blauen Grotte von Capri, die sein Stallmeister Richard Hornig zwei Mal in Augenschein nehmen musste, ausgestattet. Sieben Öfen hielten die Grotte bei einer gleichbleibenden Temperatur von 20 Grad Celsius. Siemens lieferte 24 Dynamomaschinen, die in ein Maschinenhaus, einem der ersten bayerischen Elektrizitätswerke installiert wurden. Von dort kam der Strom für die verschiedenen Apparate, einem «Regenbogen-Projections-Apparat», einer Wellenmaschine, 24 Bogenlampen, einem elektrischen Signalgeber für den Beleuchtungswechsel von rot, rosa, grün, gelb und blau. Die Grotte verwandelte sich so je nach Beleuchtung in die blaue Grotte von Capri, die Venusgrotte im Hörselberg in Sachsen oder auch in das ferne Kaschmirtal. Im Münchner Wintergarten konnten die Maschinisten mittels Beleuchtung und Maschinen auf dem künstlichen See bald einen ganz finsteren Sturm, bald eine zarte weiche Morgenröte hervorbringen.

Ludwig hatte alle sich bietenden technischen Möglichkeiten ausgeschöpft um technisch reproduzierbare mediale Erfahrungen zu machen. Vielleicht hat er als einer der ersten Menschen diesen Schritt vollzogen. Er ist darum nicht so sehr der romantische, rückwärtsgewandte Märchenkönig, sondern vielmehr ein «moderner» Mensch, der versuchte mit und durch Medien zu leben.

Vielleicht könnte man sich zum Schluss noch die Frage stellen, was passiert wäre, wenn Ludwig nicht mit 41 Jahren im Starnbergersee den Tod gefunden hätte, sondern die Erfindung der Kinematographie noch erlebt hätte. Vielleicht hätte er sich dieses für ihn geradezu idealen Mediums angenommen und die Filmgeschichte wäre anders verlaufen.

Weitergehende Literatur: Winfried Ranke, “Joseph Albert - Hofphotograph der bayerischen Könige“, München, 1977 und Karl Iten, “König Ludwig II. von Bayern und seine Urner Luftschlösser", Altdorf, 1987

Fosco Dubini

Ziel des Experiments...

... ist eine ideale Symmetrie: zwei reale und zugleich durch Rang und Stand weit von einander entfernte Personen, der König und sein Schauspieler, müssen sich in literarische Figuren verdoppeln, um die ideale brüderliche Vereinigung zu erreichen (2 = 4 = 1).

Deshalb muss zunächst alles ausser Kraft gesetzt werden, was der Symmetrie im Wege steht: (historische Real-) Zeit und (gleichzeitige) Orte.
Die Reise selbst soll auf Grund der von Ludwig II. bestimmten Voraussetzungen dieses Aussetzen von Zeit und Ort gewährleisten. Das Problem besteht darin, dass der Wechsel von der realen zur idealen Ebene: "Didier und Saverny" von beiden Reisegefährten stets gleichzeitig und simultan zu leisten ist, dass also der Übergang in den utopischen Raum selbst den Zeit-Raum-Koordinaten unterliegt.

Im falschen Moment erinnert sich Ludwig daran, dass er König ist, zum unrechten Zeitpunkt vergisst Kainz, dass er Didier ist. Aus der idealen Symmetrie wird eine Geometrie der Ungleichzeitigkeit.