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AMAZONIA - Stimmen aus dem Regenwald
AMAZONIA - Vozes da Floresta


Gespräch mit dem Regisseur Glenn Switkes Zitate aus dem Film Der Entwicklungsfokus
Gespräch mit dem Regisseur Glenn Switkes

Wie bist du als Nordamerikaner auf die Idee gekommen einen Film über das Amazonasgebiet zu machen?

Alles begann, als ich mit meiner ehemaligen Frau «Monti» Aguirre, die später meine Partnerin beim Film geworden ist, im kolumbianischen Amazonasgebiet unterwegs war. Monti ist Kolumbianerin und arbeitete damals als Anthropologin. Wir erreichten eine Gegend am Rio Negro nahe der Grenze zu Brasilien, wo ich einen Monat lang fotografierte.

Zu dieser Zeit beendete ich gerade einen Film über die Entwicklung der Umwelt im Südwesten der USA in der Wüste. Es ging um die Probleme der indianischen Grubenarbeiter.

So wurde mir die Verbindung zwischen Wüste und Regenwald klar: Fremde kommen und bemächtigen sich der Bodenschätze und die Einheimischen versuchen mit ihren Traditionen das Leben zu erhalten.

Es war unsere Absicht, diese Vorgänge zum Ausdruck zu bringen, wobei wir den Betroffenen möglichst viel Spielraum lassen wollten, ihre Sicht der Geschichte auszudrücken.

Wie habt ihr den Film realisiert?

Es war ein ständiger Kampf um Geld. So bekamen wir nie Unterstützung von Fernsehstationen. Das Geld kam überall dort her, wo sich Leute für den Umweltschutz und das Überleben der Amazonasvölker engagieren. Es gibt viele Filme über den Amazonas, die sehr schnell abgedreht werden. Wir hingegen konzipierten für sechs Jahre. Wir nahmen uns Zeit, die Leute kennenzulernen, um uns in den Lebensrhythmus einzufühlen. Die grössten Probleme hatten wir mit den offiziellen brasilianischen Stellen.

Sie missachteten die Anliegen der Indianer. Unser Vorhaben, einen Film über die Amazonasbewohner zu machen, lag natürlich nicht in ihrem Interesse. So liessen sie uns, korrupt wie sie sind, für die Rechte, die Indianer filmen zu dürfen, zahlen. Wir versuchten deshalb mit indigenen Organisationen zusammenzuarbeiten, was uns eine Art Einführung in die Probleme garantierte.

Abgesehen davon war‘s vom technischen Standpunkt gesehen eine ständige Herausforderung in Amazonien zu filmen. Bei der Hitze und Feuchtigkeit mussten wir versuchen, die Filme so kühl wie möglich zu lagern und die Ausrüstung trocken zu halten. Körperlich war das Schwerarbeit. Um 9 Uhr früh war es schon zu warm, um zu filmen und am Nachmittag gab es erst wieder ab 16 Uhr erträgliche Temperaturen.

Erinnerst du dich an deinen ersten Kontakt mit der indianischen Bevölkerung?

Es war im kolumbianischen Teil Amazoniens, wo wir eine indianische Gemeinschaft besuchten, die gerade im Wandel war. Sie wurde von einer katholischen Mission stark kontrolliert. Nachdem wir mit einem kleinen Flugzeug dort landeten, wollte uns ein Priester wieder wegschicken, doch die Indianer kamen und luden uns ein zu bleiben. Sie berührten uns, zupften mich am Bart. Es war die Neugier eines Dorfes, das seit über 15 Jahre keinen Kontakt mit Fremden hatte.

Im zweiten Teil erzählen wir die Geschichte der Kautschukzapfer. Sie kamen, um Amazonien auszubeuten. Zu Tausenden wurden sie um 1880/90 in das Amazonasgebiet gebracht, dann wieder um 1930/40. Sie sollten so schnell wie möglich Kautschuk gewinnen und dafür mussten sie die im Wald lebenden Indianer beseitigen. So wurden in Peru etwa 40.000 Indianer von Kautschukzapfern massakriert.

Verantwortlich waren nicht einzelne Kautschukzapfer, sondern grosse Unternehmen in England und Peru.
Nach und nach heirateten die Kautschukzapfer Indianerfrauen und begannen im Wald auf indianische Art zu leben und lernten so den Wald zu respektieren. Heute ist die Bewegung der Kautschukzapfer eine der stärksten Kräfte, um den Wald zu verteidigen. Einer der Führer dieser Bewegung, Chico Mendes, wurde vor einigen Jahren ermordet.

Auch die kleinen Bauern und Landarbeiter sind einen ähnlichen Weg gegangen. Sie wissen noch nicht, wie sie im Wald leben sollen. Sie sind die Neuankömmlinge, die mit Bussen aus allen Teilen des Landes nach Amazonien gebracht werden. Sie sind auf der Suche nach einem Stück Land. Die drei Teile des Films stellen drei verschiedene Stufen der Ausbeutung des Amazonasgebiets dar.

Das klingt alles anders als wir es von Dokumentationen gewöhnt sind. Was verstehst du unter einem Dokumentarfilm?

Von meiner Ausbildung her bin ich Journalist, deshalb schaue ich auf aktuelle Ereignisse, interessiere mich für Zahlen und frage nach den Ursachen. Beim Filmen ist das anders. Gerade während den Dreharbeiten zu AMAZONIA hatte ich die Gelegenheit zu ergründen, was Film zu leisten im Stande ist. Ich hatte viel Zeit zur Reflexion und da wir keinen TV-Vertrag abschliessen konnten, hatten wir die Möglichkeit, das zu filmen, was wir wollten, was unser Traum war – unsere Vision.

Wir stellten fest, dass wir etwas sehr persönliches sagen wollten. Die Leute sollten wie Darsteller im Mittelpunkt stehen, um ihre Umgebung in einer Atmosphäre zu vermitteln, welche die Zuschauer spüren lässt, dass wir am Amazonas sind. Der Unterschied zwischen Wüste und Amazonas musste filmisch gestaltet werden. Amazonien ist so reich an Geräuschen und Gerüchen. Wenn du dorthin kommst, fühlst du mit Nase und Ohren. Diese Gefühle wollen wir vermitteln. Es gibt in AMAZONIA ein dokumentarisches Element, aber wir wollen die Zuschauer nicht mit Zahlen und Fakten abfüllen. Unser Ausdruck ist universell und poetisch.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Jazzmusiker Egberto Gismonti?

Die Musik schweisst die verschiedenen Teile von AMAZONIA zusammen, was dem brasilianischen Komponisten Egberto Gismonti zu verdanken ist. Er hat schon für sehr viele Filme die Musik geschrieben. Er zeigte für unseren Film sehr grosses Interesse, aber war gleichzeitig auch skeptisch gegenüber dem «Gringo»-Regisseur. Nach der Sichtung der ersten Montage war er begeistert und entschied sich dafür die Musik zu machen, obwohl er gerade an einem Stück für das São Paolo - Symphonieorchester gearbeitet hatte. Innerhalb von zwei Wochen hat er einen Typ von Musik kreiert, der den Geist dieser Völker wiedergibt und nicht nur Instrumente zum Einsatz bringt. Das Thema ist ein Lied, das zwei Indianerkinder singen, woraus auch symphonische Momente entstanden sind.

Wie siehst du die Zukunft und wie schätzt du die Chancen eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Indianern, Kautschukzapfern und den neuen Siedlern ein?

Kautschukzapfer und Indios haben den Punkt erreicht, eine Lösung für ihre Zukunft in der Zusammenarbeit zu finden. Die Siedler sind noch im Lernprozess. Sie müssen sich erst dem Wald anpassen und von ihm lernen, was das Land von ihnen fordert und nicht umgekehrt. Erst wenn die Feindschaft zwischen den einzelnen Gruppen in Amazonien ganz abgebaut ist, wird es möglich sein erfolgreich gegen die grossen Konzerne und die Politiker zu kämpfen.
Mitverantwortlich an der Situation der Bewohner des Amazonasgebietes ist der Druck der Industriestaaten auf die brasilianische Regierung die Schulden zu bezahlen. Nicht zuletzt sind wir es, die zu viel konsumieren. Daher muss durch mehr Information an die Bevölkerung der reichen Staaten ein grösseres Bewusstsein für den Amazonas und seinen Wald geschaffen werden.

Wir haben AMAZONIA in den Siedlungen gezeigt, wo wir gedreht hatten und der Film ist gut aufgenommen worden. In Hollywood gibt es Pläne einen Film über das Leben von Chico Mendes zu machen, was in Amazonien mit Befremden aufgenommen wurde. Es ist kaum zu glauben, dass in Hollywood ein Film mit sozialem Wert gemacht werden kann. Es geht weniger um Sensationen, wenn wir uns mit dem Amazonas beschäftigen, sondern um die Umsetzung der politischen Idee der Demokratie. Die Menschen selbst sollen ihren Lebensraum gestalten und nicht die wirtschaftlichen und politischen Mächte. In Amazonien fühle ich Hoffnung inmitten aller Zerstörung.

Das Gespräch mit dem Regisseur Glenn Switkes führte Karl Zieger


Glenn Switkes ist heute Direktor des lateinamerikanischen Büros vom "International Rivers Network (IRN)" in São Paulo und Mitarbeiter von "Programa de las Américas".

Zitate aus dem Film

Ursprünge
Am Anfang waren die Sonne und der Mond. Die Sonne erschuf die Erde mit der Kraft ihres gelben Lichts. Es ist die Welt des Lebens. Die Sonne plante die Schöpfung sehr gut, und sie war schön un vollkommen.

Die Indianer
«... In unserer Kultur roden wir nicht gerne Wald. Wenn der Schatten verschwunden ist, folgt Krankheit.»
«Das erste von den Weissen gebrachte Übel war Tod druch Epedemien.»


Die Kautschukzapfer
«Die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung heisst, auf nur wenig Rücksicht nehmen, Menschen aus ihren Heimen vertreiben und Gewalt hervorbringen.»
«Für uns ist der Wald einfach Leben, und Leben in Hülle und Fülle. Aus dem Wald bekommen wir Kaugummi, den kleinen Radiergummi, der Schrift ausradiert, die Handschuhe, die der Doktor trägt, um Leben zu retten.»

Die Landlosen
«Die Polizei begann auf uns zu schiessen. Wir verloren die Früchte eines ganzen Jahres.»

Der Entwicklungsfokus

Staudämme im Niemandsland

21. April 1960: „Dies ist der wichtigste Moment in meinem politischen Leben.“ Der brasilianische Präsident Juscelino Kubitschek hisst die Nationalflagge auf dem Platz der drei Gewalten in Brasilia. Die Einweihung der neuen, am Reißbrett entworfenen Hauptstadt im Sertão, dem unbesiedelten Inlandsplateau, soll „das Niemandsland erblühen lassen“, versprach Kubitschek damals, der in 5 Jahren Amtszeit 50 Jahre Entwicklung nachholen wollte.

Und heute? „Brasilia wird von einem gigantischen Armutsgürtel erdrosselt“, konstatiert die Urbanistin Tânia Battella von der Architektenvereinigung IAB (Instituto de Arquitetos do Brasil): Über 2,5 Millionen Menschen – Landlose, Tagelöhner und Kleinbauern aus dem Umland – schlagen in den letzten ökologischen Nischen der Sumpfgebiete ihre Hütten auf. Battella: „Diese Menschen leben im Müll.“

Rauchende Schornsteine, ausländisches Kapital und Westkultur – die Theorien des Entwicklungsfokus hatten zunächst Erfolg: Die brasilianische Wirtschaft wuchs in den sechziger Jahren jährlich um 7 Prozent, die Industrieproduktion nahm um 80 Prozent zu. Das brasilianische Wirtschaftswunder reizte die Nachbarstaaten Uruguay, Argentinien, Paraguay und Peru zur Nachahmung: Staudämme, Eisenhütten, Ölförderanlagen und Großfarmen schossen aus dem Boden, eine Entwicklung nach europäischem Vorbild sollte auch hier Wohlstand für alle zaubern.

„Entwicklungsfokus? Dieses Konzept ist längst widerlegt“, blickt Glenn Switkes von der Selbsthilfeorganisation International Rivers Network in Berkeley auf die Modernisierungswelle zurück und schildert das Scheitern mit einem typischen Beispiel: „Das Wasserkraftwerk Tucuruí im brasilianischen Amazonas sollte nach den Plänen der siebziger Jahren einen Entwicklungsboom um die Stadt Belem auslösen.“ 1999 zog eine Studie der unabhängigen Welt-Kommission für Dämme Bilanz: 14000 Menschen haben ihren Wohnplatz in der Region Belem verloren, das Wasser des 2850 Quadratkilometer großen Staubeckens gärt – ein idealer Lebensraum für Malariaüberträger.

„Zwei internationale Aluminiumfabriken haben von Tucuruí profitiert – sonst niemand“, urteilt Glenn Switkes. „Der Entwicklungspol am Tucuruí ist ein ökologisches und soziales Katastrophengebiet: abgeholzte Wälder, Landkonflikte und wuchernde Satellitenstädte ohne Infrastruktur.“



Glenn Switkes ist heute Direktor des lateinamerikanischen Büros vom "International Rivers Network (IRN)" in São Paulo und Mitarbeiter von "Programa de las Américas".

http://www.ircamericas.org